Impfungen für Tiere mit ausbreitungsfähigen Viren

(06.01.2022) In Europa und den USA werden Impfstoffe für Tiere entwickelt, die auf vermehrungsfähigen Viren basieren

1974 haben Forschende erstmals einen vermehrungsfähigen genetisch veränderten Virus erzeugt. Seitdem gibt es Konsens darüber, dass sich wahrscheinlich viele in das Erbgut von Viren eingebrachte Veränderungen bei einer Freisetzung in die Umwelt instabil sind.

MAX-PLANCK-GESELLSCHAFT Aus diesem Grund würden viele Virologinnen und Virologen eine Freisetzung genetisch veränderter Viren ablehnen, die die Fähigkeit zur Ausbreitung unter ihren Wirtsorganismen beibehalten haben. Forschende aus Plön, Kapstadt und Los Angeles weisen nun in einem Diskussionsbeitrag darauf hin, dass trotz dieser Bedenken in Europa und den USA sich selbst ausbreitende Impfstoffe erforscht werden. Sie sollen die Verbreitung von Tierkrankheiten oder deren Übergreifen auf den Menschen begrenzen.

Im Labor veränderte, nicht ausbreitungsfähige Viren kommen bereits heute zum Einsatz, zum Beispiel als Impfstoffe für Wildtiere gegen Tollwut oder für den Menschen gegen Kinderlähmung.

Bei allen bisherigen Anwendungen solcher Viren wurden jedoch große Anstrengungen unternommen, damit sich die Viren nicht oder kaum in der Umwelt zwischen Wirtsindividuen verbreiten können.

Die molekularen Werkzeuge, die Forschende für die Erzeugung von Virus-Impfstoffen mit der Fähigkeit zur Selbstausbreitung benötigen, existieren jedoch schon seit längerem: Im Jahr 2000 wiesen Forschende in einem Feldversuch auf einer spanischen Insel die Übertragung eines selbstausbreitenden Kaninchenimpfstoffs nach.

Die Europäische Arzneimittelagentur lehnte eine Marktzulassung des Impfstoffs jedoch ab. „Für die Herstellung von sich selbst verbreitenden Impfstoffen sind folglich keine neuen Technologien erforderlich, sondern können mit bereits heute vorhandenen Methoden entwickelt werden“, sagt Filippa Lentzos vom King’s College London.

Viraler Impfstoff gegen Schweinepest

In Spanien impfen derzeit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Schweine in isolierter Umgebung für ein Forschungsprojekt mit ausbreitungsfähigen, jedoch genetisch unveränderten Viren gegen die Afrikanische Schweinepest.

In den USA wurde kürzlich ein Forschungsvorhaben abgeschlossen, in dem die für die Ausbreitung notwendigen Eigenschaften viraler Impfstoffe mathematisch identifiziert worden sind. Die Forschungsagentur des US-Verteidigungsministeriums DARPA versucht zudem herauszufinden, ob ausbreitungsfähige Tierimpfstoffe das Überspringen von Infektionskrankheiten auf Militärangehörige in deren Einsatzgebieten verhindern können.

„Wegen der unklaren rechtlichen Lage sollten die Staaten zunächst klären, ob die bestehenden Gesetze auf sich selbst ausbreitende Tier-Impfstoffe angewandt werden können“, sagt Guy Reeves vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön.

„Wenn sich selbstausbreitende Impfstoffe für viele landwirtschaftliche, medizinische und naturschutzfachliche Anwendungen tatsächlich so bedeutsam sind, sollten sich Entwickler und Geldgeber verpflichten, den Bedarf innerhalb ihrer eigenen Grenzen zu decken, anstatt Schwellenländer für Feldversuche vorzuschlagen. Dies würde die Chancen auf eine gesellschaftliche Debatte über Nutzen und Risiken dieses Ansatzes erhöhen. Das von der EU finanzierte Projekt zur Bekämpfung der Schweinepest in einem Mitgliedsland ist ein Schritt in diese Richtung.“


Weitere Meldungen

Ein Blutegel aus Südostasien; Bildquelle: Andrew Tilker

Neue Werkzeuge für Forschung zur Pandemieprävention

DNA-Sequenzierung aus Wasser- und Blutegel-Blutproben zeigen in der Wildnis zirkulierende Viren auf
Weiterlesen

Zebraherde an einer Wasserstelle in Ostafrika; Bildquelle: Peter Seeber / Leibniz-IZW

Wasser kann Säugetierviren übertragen

Wasser ist Voraussetzung für alles Leben, aber seine Verfügbarkeit kann begrenzt sein. In Gebieten, in denen saisonale Trockenzeiten vorkommen, versammeln sich viele Tiere in der Nähe der wenigen Süßwasserstellen und erreichen dort oft große Dichten
Weiterlesen

Bei Gelbhalsmäusen im betroffenen Zoo und in der Umgebung wurde Rustrela-Virus festgestellt.; Bildquelle: CreativeNaturs_nl

Stammt das Rötelnvirus aus dem Tierreich?

Studien weisen erstmals nahverwandte Viren bei Tieren in Deutschland und Uganda nach
Weiterlesen

Martin Schwemmle; Bildquelle: Universitätsklinikum Freiburg

Forschung zu Fledermaus-Viren und ihrer Übertragbarkeit auf Menschen

Wie tierische Viren es immer wieder schaffen menschliche Zellen zu infizieren, erforschen Wissenschaftler*innen des Universitätsklinikums Freiburg an Influenzaviren
Weiterlesen

Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme von Ebolaviren (blau gefärbt) in einer befallenen Zelle.; Bildquelle: National Institute of Allergy and Infectious Diseases

Neue Ebolavirus-Varianten schneller erkennen und bekämpfen

In der Demokratischen Republik Kongo kämpfen die Menschen mit einem seit 2018 andauernden Ebolavirus-Ausbruch, der bereits über 2.000 Tote verursacht hat
Weiterlesen

(v.l.) Prof. Dr. Florian Klein, Stefanie Ehrhardt und Dr. Matthias Zehner; Bildquelle: Dorothea Hensen / Uniklinik Köln

Forscher entschlüsseln Wirkung von Ebola-Impfstoff

rVSV-EBOV heißt der noch neue Impfstoff, der aktuell im Kampf gegen das meist tödliche Ebola-Virus eingesetzt wird. Seit 2018 haben ihn bereits über 200.000 Menschen erhalten
Weiterlesen

Aufnahme mit einem Elektronenmikroskop: Herpesviruspatikel; Bildquelle: Walid Azab

Herpesviren sind doch nicht so artspezifisch wie gedacht

Eine neue Studie zeigt, dass Herpesviren gar nicht so wirtsspezifisch sind wie bisher angenommen. Wissenschaftler des Berliner Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) zeigen mit aktuellen Forschungsergebnissen, dass Gammaherpesviren ihren Wirt öfter wechseln
Weiterlesen

Tüpfelhyänen in der Serengeti; Bildquelle: Marion L East/IZW

In der Gruppe besser vor Infektionen mit dem Sapovirus geschützt

Als Überträger von Magen-Darm-Entzündungen bei Menschen und Hausschweinen sind Viren aus der Gattung Sapovirus gefürchtet. Sie infizieren allerdings auch afrikanische Raubtiere wie Tüpfelhyäne, Löwe und Löffelhund
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen