55 Millionen Jahre altes Skelett einer Eule: Vollständigster Fossilfund aus der Frühzeit der Eulenevolution beschrieben

(28.07.2020) Senckenberg-Wissenschaftler Gerald Mayr hat mit Kollegen aus Belgien und den USA eine neue fossile Eulenart beschrieben. Das Skelett von Primoptynx poliotauros ist das älteste in dieser Vollständigkeit erhaltene Fossil einer Eule.

Der Fund gibt erstmals Einblicke in die Lebensweise der frühesten Eulen. Ähnlich wie Habichte und Adler, aber anders als heutige Eulen, tötete die sehr große Ur-Eule ihre Beute vermutlich nicht mit ihrem Schnabel, sondern mit den Krallen ihrer Füße.

Die Studie erschien am 28. Juli 2020 im Fachjournal „Journal of Vertebrate Paleontology“.

Funde aus der Frühzeit der Eulen-Evolution sind sehr selten. Ein etwa 60 Millionen Jahre alter Beinknochen ist das älteste Fossil, das einer Eule zugeordnet werden kann.


Bis auf den Kopf ist das 55 Millionen Jahre alte Skelett der neu beschriebenen Eule weitgehend vollständig erhalten.

„Auch von anderen Eulen aus dieser Zeit sind in der Regel nur Einzelknochen und Fragmente überliefert. Umso mehr habe ich mich daher gefreut, als mir ein weitgehend vollständiges Eulenskelett aus der nordamerikanischen ‚Willwood Formation’ zur Bearbeitung übergeben wurde, welches mein Kollege und Ko-Autor der Studie Philip Gingerich bereits vor 30 Jahren fand“, erklärt Dr. Gerald Mayr vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt.

Das neu beschriebene Tier gehört einer bislang unbekannten und sehr großen fossilen Eulenart an. Bis auf den Schädel sind alle wichtigen Knochen des 55 Millionen Jahre alten Vogels erhalten. „Die Eule war etwa so groß wie eine heutige Schneeeule.

Sie unterscheidet sich aber deutlich von rezenten Eulen durch die unterschiedliche Größe ihrer Krallen. Während bei heutigen Eulen die Krallen aller Zehen etwa gleich groß sind, sind bei der von uns neu beschriebenen Art Primoptynx poliotauros die Krallen der Hinterzehe und der zweiten Zehe deutlich vergrößert“, erläutert Mayr.


Das Skelett der fossilen Eule (Primoptynx poliotauros) neben dem einer heutigen Schneeeule (Nyctea scandiaca).

Ein solcher Zehenbau ist von heutigen Greifvögeln, wie beispielsweise Adlern und Habichten, bekannt. Diese nicht näher mit Eulen verwandten Vögel durchbohren ihre Beute mit den spitzen Krallen der Füße. Mayr und seine Kollegen vermuten daher, dass die ausgestorbene Eule ihre Beutetiere ebenfalls mit den Füßen erlegte.

„Heutige Eulen nutzen dagegen ihren Schnabel – es scheint also, dass die Lebensweise dieser ‚Ur-Eulen’ sich von der ihrer heutigen Verwandten deutlich unterschied“, ergänzt der Frankfurter Ornithologe.

Der neue Fund zeigt zudem, dass im frühen Eozän Nordamerikas eine hohe Vielfalt in der Gruppe der Eulen herrschte: Von der nur 12 Zentimeter kleinen Art Eostrix gulottai, welche eine der kleinsten bekannten Eulen überhaupt ist, bis hin zu dem neu entdeckten etwa 60 Zentimeter großen Tier.

„Warum Eulen ihre Jagdtechnik im Verlauf der Evolution änderten ist unklar. Wir vermuten aber, dass es möglicherweise mit der Ausbreitung tagaktiver Greifvögel im späten Eozän bis frühen Oligozän, vor etwa 34 Millionen Jahren, zu tun hat.

Die Nahrungskonkurrenz mit Taggreifvögeln könnte für Eulen danach zu groß gewesen sein und führte eventuell auch zur nachtaktiven Lebensweise dieser charismatischen Vögel“, schließt Mayr.

Publikation

Mayr, G., P. D. Gingerich, and T. Smith. 2020. Skeleton of a new owl from the early Eocene of North America (Aves, Strigiformes) with an accipitrid-like foot morphology. Journal of Vertebrate Paleontology. doi: 10.1080/ 02724634.2020.1769116


Weitere Meldungen

Universität Wien

Die Evolution der Paradiesvögel

Paradiesvögel sind eine Teilgruppe der Singvögel, deren Männchen für ihr farbenprächtiges Gefieder und ihr auffälliges, vielfältiges sexuelles Balzverhalten bekannt sind
Weiterlesen

Detail des finkenartigen Schnabels von Eofringillirostrum boudreauxi.; Bildquelle: Daniel Ksepka

Älteste Körnerfresser entdeckt - Früheste Verwandte der Sperlingsvögel beschrieben

Senckenberg-Wissenschaftler Gerald Mayr hat gemeinsam mit US-amerikanischen Kollegen zwei neue fossile Vogelarten aus 50 MiIlionen Jahre alten Fossilfundstellen in Deutschland und Nordamerika beschrieben
Weiterlesen

Schematic illustration of the evolution of the Big Bird lineage on the Daphne Major island in the Galápagos archipelago. Initially an immigrant large cactus finch male (Geospiza conirostris) bred with a medium ground finch female (Geospiza fortis).

The origin of a new species of Darwin’s finches

Darwin’s finches in the Galápagos archipelago provide an iconic model for the evolution of biodiversity on earth due to natural selection
Weiterlesen

Das Geschlechtschromosom Z männlicher Zebrafinken kommt in zwei Varianten vor. Männchen, die je eine Kopie dieser Varianten besitzen, können sich besonders gut fortpflanzen.; Bildquelle: Wolfgang Forstmeier / MPI für Ornithologie

Mutation macht Zebrafinken-Spermien schneller

Bei Zebrafinken beeinflusst eine Mutation auf einem der Geschlechtschromosomen Gestalt und Geschwindigkeit der Spermien
Weiterlesen

Großer Kaktusfink; Bildquelle: Ruben Heleno

Darwinfinken sind Schnell-Entwickler

Die Evolution der Spezies verläuft auf den Galapagos-Inseln, dem Geburtsort von Darwins Evolutionstheorie, unterschiedlich schnell
Weiterlesen

Für die Familie der Bienenfresser (im Bild Merops bullocki) zeigte die Studie eine enge Verwandtschaft mit Singvögeln, Papageien und Raubvögeln; Bildquelle: Peter Houde

Stammbaum der Vögel mittels Gen-Analysen und Supercomputern nachvollzogen

Neue Erkenntnisse über Grundlagen von Gesang, Federn, Biodiversität und Entwicklung der Vögel
Weiterlesen

Blaumeise; Bildquelle: Dr. R. Höling

Sind außerpaarliche Verbindungen die treibende Kraft für die Evolution von Geschlechtsunterschieden?

Männchen und Weibchen von Blaumeisen sind für das menschliche Auge kaum unterscheidbar. Im für Vögel sichtbaren UV-Bereich sind die Männchen jedoch viel bunter. Auch ihr monogames Paarungssystem ist nicht das, was es verspricht: In jedem zweiten Nest sind Küken, die nicht vom fürsorgenden Vater stammen
Weiterlesen

Zebrafinken-Männchen mit charakteristischem Brust- und Wangenschmuck

Anfangsinvestition der Mutter in ihre Eier macht Zebrafinken-Männchen besonders schön.

Ein schweizerisch-australisches Forschungsteam unter der Leitung von Evolutionsökologen der Universität Zürich widerlegt die Theorie von den genetisch attraktiven «Supermännchen»
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen