Rülpsende Rinder: Mit der Riesenpille gegen den Klimawandel

(15.03.2007) Wie kleine Fabriken stoßen Kühe beim Wiederkäuen auch Treibhausgase aus. Mit neuen Futtermitteln wollen Forscher der Universität Hohenheim das Kuhproblem entschärfen

Rülpsende Kühe als Mitverursacher des Klimawandels - vor allem in der EU mit ihrer hohen Milchproduktion wird dieser Faktor inzwischen nicht mehr belächelt.

Denn beim Wiederkäuen produzieren Rinder das Treibhausgas Methan, das das globale Klima zusätzlich anheizt. "Die Methankonzentration hat sich in der Atmosphäre in den zurückliegenden 50 Jahren nach Schätzungen annähernd versechsfacht und trägt nun zu etwa 20 Prozent zum Treibhauseffekt bei", so Prof. Dr. Winfried Drochner vom Institut für Tierernährung der Universität Hohenheim.

Mit einer Spezialdiät, veränderten Fütterungszeiten und einem pflanzlichen Vormagen-Bolus (Riesenpille) will Prof. Drochner gleich dreierlei erreichen: weniger Kosten, weniger Treibhausgas - und gleichzeitig gesteigertes Wohlbefinden der Tiere.

Noch vor nicht allzu langer Zeit wurde das Problem rülpsender Kühe als Mitschuldige an der globalen Erwärmung eher belächelt. Die Erkenntnis, dass es viele Verantwortliche und damit zahlreiche Stellschrauben im Kampf gegen die globale Erwärmung gibt, setzt sich inzwischen langsam durch.

Neben Erdausgasungen, Kraftwerken, Verkehr, Industrie und Haushalten tragen auch Kühe durch Methanausstoß zum Klimawandel bei.

Ob man Kühen jetzt Katalysatoren in den Hintern stopfen müsste, zitierte spiegel.de die spöttische Nachfrage des republikanischen Kongressabgeordneten Jim Sensenbrenner in den USA.

"Erstens stoßen Kühe das Methan vorne und nicht hinten aus und zweitens würde eine große Tablette schon reichen", so Prof. Dr. Drochner und fordert pragmatisches Handeln in allen Teilbereichen. "Auch in der Nutztierhaltung haben wir Möglichkeiten, die globale Erwärmung zu bekämpfen", so Prof. Dr. Drochner weiter.

Genau berechnet sind Rinder als eine der großen Methanquellen zu etwa vier Prozent mitschuldig am Klimawandel. Tendenz steigend: Weltweit wächst in Schwellenländern der Fleischkonsum einer neuen Mittelschicht, deren Eltern noch zu einer Generation gehörten, die sich Rindersteaks einfach nicht leisten konnte.

"Verhindern lässt sich diese Entwicklung nicht. Mit neuen Methoden könnten wir den Einfluss der Kühe auf den Treibhauseffekt jedoch bis auf drei Prozent drücken - und gleichzeitig bares Geld sparen", prognostiziert Prof. Dr. Drochner.

"Dass Kühe Methan produzieren, ist eigentlich ein ganz natürlicher Vorgang. Denn das Treibhausgas bindet Wasserstoff, ein Abfallprodukt, das bei der Verdauung von Gras mit entsteht. Dieser mikrobielle Abbau nennt sich Fermentation und ist für Wiederkäuer lebensnotwendig", so Prof. Dr. Drochner.

Noch gesünder ernähren könnte man Kühe, wenn man ihren Speisezettel durch angekeimtes Getreide oder Extrakte daraus ergänzt, wie Prof. Dr. Drochner jetzt herausfand: "Keimlinge enthalten Stoffe, die die Methanbildung reduzieren können und das Futter für die Kuh besser verwertbar machen." Statt das Klima anzuheizen, würden die Tiere das Futter gut nutzen - und die Kosten für Landwirte reduzieren.

"Tannine" heißen diese Wunderstoffe, die der Experte für Tierernährung am liebsten direkt aus Pflanzen gewinnen würde, um sie den Kühen direkt oder eventuell auch verpreßt zu verabreichen.

"Als nahezu faustgroße "Riesentablette" - genannt: Bolus - könnten mikrobiell wirksame Stoffe in einer solchen Pille verpreßt mehrere Monate im Kuhmagen liegen, sich langsam auflösen und den Methanausstoß täglich verringern", meint Prof. Dr. Drochner.

"Diese Verabreichungsmethode wäre äußerst praktisch und würde den Einsatz der Methode weltweit - gegebenenfalls auch in Gebieten mit extensiver Tierhaltung - vereinfachen."

Weitere Einflussmöglichkeiten in Bereichen mit intensiver Tierhaltung: mehr Fette im Tierfutter und eine gleichmäßigere Fütterung über den ganzen Tag verteilt. "Ein Tier, das kontinuierlich kaut und verdaut, verbessert seinen körpereigenen Stoffwechsel.

Das ist wie beim Menschen: mehrere Mahlzeiten über den Tag sind für den Organismus wesentlich gesünder", sagt Prof. Dr. Drochner.

Die wichtigste, da effizienteste Maßnahme, sei aber die Entwicklung des Bolus, sagt Prof. Dr. Drochner. "Wir suchen dafür noch Sponsoren", so der Wissenschaftler weiter. Da die "Riesenpille" aber nicht nur klimafreundlich wirkt, sondern sich in barer Münze auszahle, ist Prof. Dr. Drochner optimistisch, in Kürze fündig zu werden.

www.uni-hohenheim.de

Artikel kommentieren

weitere Meldungen

Wiederkäuer, wie diese Ziegen in Kenia, sind für den größten Teil der Methan-Emissionen aus der Landwirtschaft verantwortlich; Bildquelle: Klaus Butterbach-Bahl

Weniger Treibhausgase aus der Viehhaltung

Die Land- und Forstwirtschaft einschließlich Landnutzungsänderungen trägt weltweit bis zu 30 Prozent zum Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase bei. In Deutschland war die Landwirtschaft 2013 nach Angaben des Bundesumweltamts für 6,7 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich
Weiterlesen

GreenFeed-System

Treibhausgase messen, wenn Rinder naschen

Mit der Anschaffung des GreenFeed®-Systems haben Forschende von Agroscope in Posieux erstmals in der Schweiz die Möglichkeit, die Methan- und Kohlendioxidabgabe bei Wiederkäuern zu messen
Weiterlesen

GreenFeed-Methan-Messstation ; Bildquelle: Joachim Kloock

Neue GreenFeed-Methan-Messstation für Kühe in Dummerstorf

Deutschlands erste Methan-Messstation mit Einzelzutritt für Kühe steht in Dummerstorf und soll neue Daten generieren
Weiterlesen

Agroscope

Weniger Methan pro Liter Milch

Im Zeitraum zwischen 1990 und 2012 nahmen in der Schweiz die Treibhausgas-Emissionen der Landwirtschaft um neun Prozent ab, während die Nahrungsmittelproduktion leicht gesteigert werden konnte
Weiterlesen

Kamele stossen weniger Methan aus als Kühe und Schafe

Kamele stossen weniger Methan aus als Kühe und Schafe

Wiederkäuer atmen bei ihrer Verdauung Methan aus. Ihr Anteil an diesem weltweit produzierten Treibhausgas ist beachtlich. Bisher nahm man an, dass ähnlich verdauende Kamele in gleicher Menge das klimaschädigende Gas produzieren
Weiterlesen

Better diets for livestock could reduce greenhouse gas emissions; Bildquelle: International Livestock Research Institute (ILRI)

Better livestock diets to combat climate change and improve food security

The projected transition of livestock systems from pure grazing diets to diets supplemented by higher quality feeds will cut greenhouse gas emissions from land use change globally by as much as 23% by 2030
Weiterlesen

Wiederkäuer

Studie zu den Treibhausgasen, die bei der Haltung von Nutztieren entstehen

Diskussionen über Klimaschutz konzentrieren sich meist auf Optionen zur Reduktion von CO2-Emissionen. Treibhausgasen, die bei der Haltung von Nutztieren entstehen, wird zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, wie ein internationales Forscherteam gezeigt hat
Weiterlesen

Kühe

Rapsöl verringert Methan-Emission von Kühen

Tim Ulrich vom Institut für Ökogenetik der Universität Wien entdeckte zusammen mit einem internationalen Forschungskonsortium eine bisher unbekannte Gruppe von Mikroorganismen im Pansen von Kühen
Weiterlesen

Weidehaltung von Rindern ; Bildquelle: Britta Klein

Weidehaltung von Rindern ist Klimaschutz

Rinder haben in der aktuellen Klimadiskussion keinen guten Ruf. Sie werden wegen ihrer Methanausscheidungen als Klima-Killer angeprangert
Weiterlesen

Kurzmeldungen

Internationales 20170324

Neuerscheinungen

[X]
Hinweis zur Nutzung von Cookies

Diese Website nutzt Cookies zur Bereitstellung von personalisierten Inhalten, Anzeigen, Inhalten von sozialen Medien und zur Analyse des Benutzerverhaltens. Die mit Hilfe von Cookies gewonnenen Daten werden von uns selbst sowie von uns beauftragten Partnern in den Bereichen soziale Medien, Online-Werbung und Website-Analyse genutzt. Durch den Besuch unserer Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen.

Mit der weiteren Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Mehr erfahren...