Erstmals fossile Makaken-Funde vom Nordseegrund geborgen

(11.02.2019) Gemeinsam mit zwei niederländischen Kollegen hat Senckenberg-Wissenschaftler Ralf-Dietrich Kahlke Zähne mehrerer Makaken untersucht, die vom Nordsee-Boden stammen.

Es handelt sich dabei um die ersten Fossilnachweise von Altweltaffen aus der Familie der Meerkatzenverwandten im Nordseegebiet. Zutage gefördert wurden die Primatenzähne während der künstlichen Aufschüttung der Hafenerweiterung „Maasvlakte 2“ bei Rotterdam in den Niederlanden. Die Studie erschien kürzlich im Fachjournal „Revue de Paléobiologie“.

Fossilreste von Fellnashörnern, Breitstirnelchen, Höhlenlöwen und Waldelefanten - der Nordseeboden gilt als eine der bedeutendsten Fundstellen für die Rekonstruktion des Lebens im eiszeitlichen Europa.


Linker oberer Eckzahn der fossilen Makakenart vom Nordseegrund.

„Allein die Menge von Mammut-Backenzähnen aus der Nordsee liegt bei mindestens 50.000 Stück“, schätzt Dick Mol, langjähriger Kenner der Fundsituation vor Ort. Prof. Dr. Ralf-Dietrich Kahlke von der Senckenberg Forschungsstation für Quartärpaläontologie in Weimar fährt fort: „Die zahlreichen Funde von Skelettresten eiszeitlicher Landsäugetiere beweisen uns, dass weite Teile der Nordsee mehrfach Bestandteil des europäischen Festlands waren. Die lange Liste der Nachweise verschiedenster Säugetierarten aus den Kälte- und Wärmeperioden des Eiszeitalters können wir nun um eine Makakenart erweitern.“

Das niederländisch-deutsche Wissenschaftlerteam unter Leitung von Prof. Dr. Jelle W.F. Reumer von der Universität Utrecht hat in seiner aktuellen Studie mehrere aus der Nordsee stammende fossile Zähne sowie ein Unterkieferfragment der Primatenart Macaca sylvanus zuordnen können.


Spülschiff bei der Anlandung von Meeressediment zur Entstehung der "Maasvlakte 2" – Fundstelle der untersuchten Primaten-Fossilien.

Die Funde stammen aus verschiedenen Warmzeiten des Eiszeitalters. Sie gehörten zu Tieren, die den noch heute am Felsen von Gibraltar lebenden Berberaffen sehr ähnlich waren.

Die Funde wurden auf der „Maasvlakte 2“, einer nahe Rotterdam künstlich angelegten Insel mit modernen Industrie- und Hafenanlagen, geborgen.

Zur Aufschüttung der „Maasvlakte 2“ wurde in Entfernungen von 10 bis 20 Kilometer ein Sand-Wasser-Gemisch vom Nordseeboden abgesaugt und mit immensem Druck an der künstlichen Insel angelandet. In den dabei entstehenden riesigen Sprühfächern zeigen sich oftmals Regenbögen.

„Während dieses als ‚Rainbowen’ bezeichneten Vorgangs werden auch immer wieder eiszeitliche Fossilien vom Nordseeboden an Land befördert und von Kennern eingesammelt“, erläutert Reumer und ergänzt: „Auch die höchst seltenen Makaken-Zähne gerieten auf diesem Weg in unsere Hände.“

Doch wie gelangen Knochen von eiszeitlichen Landsäugetieren in den Grund der Nordsee? Kahlke hierzu: „Erst mit dem Abschmelzen der eiszeitlichen Gletscher wurde der Raum der heutigen Nordsee geflutet und der Ärmelkanal öffnete sich zu einem Meeresarm.

Vor dieser Zeit wurde die Topographie Nordwest-Europas vor allem durch veränderliche Meeresspiegelstände gestaltet, die wiederum von den klimatischen Verhältnisse bestimmt wurden.

Durch die Bindung immenser Wassermengen in den eiszeitlichen Gletschern sank der Meeresspiegel zur Zeit der Maximalvereisung der letzten Kaltzeit vor reichlich 20.000 Jahren um bis zu 120 Meter.

Auch große Teile der heutigen Nordsee fielen trocken und konnten von der Festlandsfauna besiedelt werden. Deren Fossilien finden wir heute im Meeresboden. Ähnliche Ereignisse gab es auch in früheren Perioden.“

Heutige Makaken leben als gute Kletterer bevorzugt in felsiger Landschaft. Derartige Gesteinsformationen existierten aber während des Eiszeitalters im Raum der heutigen Nordsee nicht.

Das Wissenschaftlerteam geht davon aus, dass die etwa 70 Zentimeter großen Tiere stattdessen auf Bäumen Zuflucht suchten. Ihr - heute unter Wasser und Sediment liegender - Lebensraum muss also zumindest teilweise bewaldet gewesen sein.

„Das Alter der Zähne ist leider nicht eindeutig zu bestimmen, weil die Fossilien ohne Zuordnung zu ihrer ursprünglichen Fundschicht vorliegen. Ein Unterkieferfragment mit Weisheitszahn stammt wohl a

us der Eem-Warmzeit vor 126.000 Jahren bis 115.000 Jahren. Die beiden anderen Stücke sind aufgrund ihrer intensiven Mineralisation vermutlich noch deutlich älter“, so Reumer. Er resümiert: „Die neuen Funde zeigen, dass die Nordsee viele Geheimnisse birgt!“



Artikel kommentieren

Weitere Meldungen

Dr. Matthias Schaber vom Thünen-Institut besendert einen Hundshai. Die Augen des Tieres sind zur Beruhigung mit einem feuchten Tuch abgedeckt.; Bildquelle: Thünen-Institut/Matthias Schaber

Versuche mit satellitenbasierten Sendern in der Nordsee sollen Wanderungsverhalten von Hundshaien aufklären

Er ist der größte in deutschen Gewässern stetig vorkommende Hai und in der aktuellen Roten Liste der Meeresfische Deutschlands als „stark gefährdet“ eingestuft: der Hundshai (Galeorhinus galeus)
Weiterlesen

Schweinswalsichtung Sommer 2016

Online-Karten: Schweinswale und Seevögel in Nord- und Ostsee

Wo in deutschen Meeren kommen Schweinswale vor? Wo waren in den vergangenen Jahren in der Nord- und Ostsee die meisten Seevögel zu beobachten?
Weiterlesen

Gefährdung und Schutz der Haie und Rochen in den deutschen Meeresgebieten der Nord- und Ostsee

Hamburger Forscherteam analysiert Situation von Haien und Rochen in Nord- und Ostsee

Im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) haben Prof. Dr. Ralf Thiel, Heike Zidowitz und ihr Team der Abteilung Ichthyologie des Centrums für Naturkunde (CeNak) der Universität Hamburg den Zustand von Haien, Rochen und Chimären in deutschen Gewässern der Nord- und Ostsee untersucht
Weiterlesen

Uni Graz

ChemikerInnen der Uni Graz entdecken neue Arsenverbindungen in Heringsrogen

Seefisch ist dafür bekannt, dass sich in ihm giftige Spurenelemente wie Quecksilber oder Arsen anreichern können
Weiterlesen

Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg

Invasive Arten in der Nordsee – wer kommt als nächstes?

Fremde Pflanzen und Tiere erobern die Nordsee: Wissenschaftler aus Oldenburg und Frankfurt haben modelliert, wie der globale Frachtschiffverkehr zur Ausbreitung invasiver Arten führt
Weiterlesen

Bundesumweltministerium

Schweinswale können besser vor Lärm geschützt werden

Zum 1. Dezember 2013 hat das Bundesumweltministerium ein Konzept zum Schutz der Schweinswale vor Schallbelastungen bei der Errichtung von Offshore-Windparks in der Nordsee erlassen
Weiterlesen

Dummy Bild

Die letzten Delfine in der Nordsee in Gefahr

Während die USA damit beginnen, die Kosten der Umweltbelastung der derzeitigen Ölkatastrophe zu errechnen, hat die Regierung Großbritanniens beschlossen, zwei Firmen zu erlauben, seismische Untersuchungen in Vorbereitung auf eine Öl- und Gasgewinnung im Moray Firth, einem Meeresschutzgebiet in Schottland, durchzuführen
Weiterlesen

Nordseegarnelen weiter verbreitet als vermutet

Nach einer vierwöchigen Forschungsfahrt im Januar 2006 brachte das Fischereiforschungsschiff SOLEA interessante Ergebnisse mit zurück. Die gesamte Nordsee ist im Winter bis etwa 50 m Wassertiefe von den Nordseegarnelen besiedelt.
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen