Hochgradige Leukozytose bei einer Katze - mit Auflösung

(26.07.2019) Im Fall des Monats Juli stellt Laboklin einen 12 Jahre alten, kastrierten Europäisch-Kurzhaar Kater vor

Maciej Guzera DVM PhD DipECVCP MRCVS

SIGNALMENT UND ANAMNESE

Ein 12 Jahre alter, kastrierter Europäisch-Kurzhaar Kater wurde aufgrund von Mattigkeit (seit einer Woche) vorgestellt. Laut Besitzerangaben waren außerdem Erbrechen und ein verminderter Appetit aufgefallen und der Katzer zeigte seit kurzer Zeit Defäkation außerhalb des Katzenklos. Die Wasseraufnahme und der Urinabsatz waren unauffällig und der Patient war negativ für die Infektionskrankheiten FeLV und FIV.

KLINISCHE UNTERSUCHUNG

Bei der Palpation des Abdomens fiel eine kleine, runde Masse im kranialen Bereich auf und der Kater zeigte eine leichte Schmerzreaktion. Die Schleimhäute waren blassrosa. Alle anderen klinischen Parameter waren unauffällig.

WEITERFÜHRENDE UNTERSUCHUNGEN

Hämatologie

Im Blutstatus fiel eine hochgradige Leukozytose (75,36 x10^9/L, Referenzbereich (RB): 6,0-11,0x10^9/L) und geringgradige Anämie (Hämatokrit: 28%, RB: 30-44%) auf. Das Differentialblutbild wurde aufgrund des abnormalen Scattergramms manuell erstellt. Die relevanten Befunde der morphologischen Untersuchung sind in Abb. 1 dargestellt.


Abb 1. Befunde der morphologischen Untersuchung des Blutausstrichs eines 12-jährigen EKH Katers (Hemacolor Färbung, 20x Objektiv (A), 50x Objektiv (B).

Klinische Chemie

In der klinischen Chemie fand sich eine mittelgradige Hyperglykämie (15,67 mmol/L, RB: 3,1-6,9 mmol/L). Alle übrigen Parameter sowie eine Urinuntersuchung waren unauffällig.

Parasitologische Untersuchung

Eine Kotuntersuchung wurde durchgeführt und war negativ.

Bildgebung

Eine Ultraschalluntersuchung des Abdomens zeigte eine kleine, runde hyperechogene Masse im Dünndarm.

Zytologie

Ein Feinnadelaspirat (FNA) der intestinalen Masse wurde durchgeführt und zytologisch untersucht (Abb. 2).


Abb 2. Zytologie der FNA der intestinalen Masse eines 12-jährigen EKH Katers (Hemacolor Färbung, 20x Objektiv (A), 50x Objektiv (B)).


INTERPRETATION DER BEFUNDE

Hämatologie

Im Blutausstrich fand sich eine hohe Anzahl eosinophiler Granulozyten. Diese waren überwiegend reifkernig (segmentiert) und es fanden sich wenige Vorläufer (stabkernige Eosinophile, Metamyelozyten, eosinophile Myelozyten). Die manuelle Differenzierung ergab 12% Neutrophile, 3% Lymphozyten und 85% Eosinophile.

Die Erythrozyten waren überwiegend normozytär, normochrom.

Interpretation: Die hochgradige Leukozytose basierend auf einer extremen Eosinophilie mit eosinophilen Vorläufern ist vereinbar mit einer chronischen Eosinophilen-Leukämie. Eine paraneoplastische Eosinophilie erscheint unwahrscheinlich, konnte jedoch nicht vollständig ausgeschlossen werden.

Die geringgradige, normozytäre, normochrome Anämie ist vermutlich Folge der Knochenmarksneoplasie und/oder stellt eine Begleitanämie bei chronischen Erkrankungen dar.

Klinische Chemie

Die mittelgradige Hyperglykämie ohne Glukosurie kann vermutlich auf die Aufregung zurückgeführt werden.

Zytologie

Die zytologische Untersuchung der intestinalen Masse ergab das Vorliegen zahlreicher Eosinophiler. Darüber hinaus fanden sich wenige bis einige Lymphozyten, wobei vorwiegend kleinen Lymphozyten und wenigen mittelgroßen und großen Lymphozyten vorhanden waren. Vereinzelt waren nicht-degenerierte neutrophile Granulozyten eingestreut. Der Hintergrund war klar und es fand sich eine hohe Menge peripheren Blutes (Kontamination).

Interpretation: Die zytologischen Befunde sprechen für eine Infiltration von Eosinophilen, vermutlich sekundär zu einer myeloproliferativen Erkrankung oder einem Hypereosinophilensyndrom (HES). Die Untersuchung ergab keinen Hinweis auf einen intestinalen Tumor, jedoch kann dies ohne histopathologische Untersuchung nicht ausgeschlossen werden.

VORLÄUFIGE DIAGNOSE: CHRONISCHE EOSINOPHILEN-LEUKÄMIE / HYPEREOSINOPHILENSYNDROM (HES) mit sekundärer Infiltration des Dünndarms

WEITERER VERLAUF

Auf Wunsch des Patientenbesitzers wurden weder eine weitere Diagnostik noch eine onkologische Therapie durchgeführt. Es wurde eine palliative Behandlung gewählt. Der Kater wurde nach 2 Woche wegen zunehmend verschlechterndem Allgemeinbefinden, Anorexie und Kachexie euthanasiert.

Post-mortem wurde eine histopathologische Untersuchung der Dünndarmmasse durchgeführt (Abb. 3). Eine intestinale Neoplasie konnte nicht nachgewiesen werden.


Abb. 3. Histologie des Dünndarms eines 12-jährigen EKH-Katers mit eosinophiler Infiltration (H&E, 40x Objektiv).

ZUSAMMENFASSUNG

Die chronische Eosinophilen-Leukämie ist eine neoplastische Proliferation des Knochenmarks die sich mit einer hohen Menge, überwiegend gut-differenzierter, eosinophiler Granulozyten im peripheren Blut darstellt. Im Gegensatz hierzu ist das HES durch eine hochgradige, persistierende Eosinophilie ohne bekannte Ursache gekennzeichnet.

Bei beiden Erkrankungen kann eine Infiltration in intestinales Gewebe auftreten. Die Unterschiede der Erkrankungen sind in der Tiermedizin nicht gut charakterisiert weshalb es meist nicht möglich ist eine definitive Diagnose zu stellen. In der Humanmedizin wurden die meisten Patienten mit HES, aufgrund neuerer Marker und Testverfahren, in eine neoplastische Erkrankung umklassifiziert. Eine Untersuchung des Knochenmarks und eine Durchflusszytometrie für eine bessere Charakterisierung der Erkrankung wurde im vorliegenden Fall nicht durchgeführt.

Andere häufige Gründe für eine Eosinophilie (z.B. parasitäre Infektion, Allergie / Überempfindlichkeit, paraneoplastisches Syndrom) wurde im vorliegenden Fall, aufgrund der Höhe der Eosinophilenzahl sowie der klinischen Befunde, ausgeschlossen.

Therapieoptionen für eine chronische Eosinophilenleukämie /HES beinhalten Prednisolon, Hydroyxurea, Hydroxycarbamid sowie Interferon α. Die Prognose ist jedoch schlecht.


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