Neue Dinge mögen gewöhnungsbedürftig sein, allerdings nicht für jeden Vogel gleich

(11.07.2017) Bislang galten Vögel, die Neuartiges eher meiden, auch als kaum erkundungsfreudig. Neugierige Vögel wie Krähen oder Papageien, die neue Dinge oder Situationen interessieren, dagegen schon.

Das Misstrauen gegenüber Neuartigem wurde damit bislang als artspezifisches Merkmal und als Hemmschuh für die Erkundungsfreude angesehen.

Ein internationales Team um ForscherInnen der Vetmeduni Vienna konnte nun zeigen, dass das Misstrauen nur den Zeitpunkt des Erkundens verzögert und dass das Verhalten nicht ausschließlich artspezifisch, sondern individuell verschieden ist. Die Ergebnisse der Studie wurden in Scientific Reports publiziert.


Ein Touchscreen-Test mit verschiedenen Vogelarten zeigte, das Misstrauen vor Neuem die Erkundungsfreude nur hinauszögert, aber nicht hemmt.

Auch bei den Vögeln werden Arten unterschieden, die für neuartige Situationen oder Dinge Interesse oder Abneigung zeigen. Jene, die mit neophobem Verhalten reagieren, Neuem also eher misstrauen, werden häufig auch als weniger erkundungsfreudig angesehen.

Für Arten, die offen sind für Neuartiges, wie die Keas, die aus Neugier auch Autos in ihrer Heimat, Neuseeland,zerlegen“, gilt das Gegenteil.

Neue Studien fanden jedoch heraus, dass das Erkunden und der Respekt vor neuen Dingen von unterschiedlichen Reizen ausgelöst werden und damit kein direkter Zusammenhang zwischen den beiden Verhaltensmustern besteht.

Ein internationales Team um Forschende des Messerli Forschungsinstitutes der Vetmeduni Vienna untersuchte nun mittels eines Touchscreen-Tests an vier Krähen- und fünf Papageienarten, welche Faktoren den „Abenteurergeist“ und die Erkundungsfreudigkeit beeinflussen.

Das Experiment zeigte, dass das Verhalten der Vögel nicht artspezifisch ist und dass das Misstrauen gegenüber Neuem nicht vom Erkunden neuer Situationen oder Dinge abhält, sondern es lediglich hinauszögert.

Misstrauische Vögel untersuchen Neues erst nach einer Gewohnheitsphase

Für den Touchscreen-Versuch wurden Vögel wie Raben, Krähen oder Goffini-Kakadus ausgewählt, da bekannt ist, dass diese Arten ein „Technikverständnis“ haben.

Keines der Tiere hatte jedoch zuvor mit einem Touchscreen gearbeitet. Nach einem Vorversuch wurden den Vögeln insgesamt 16 Formen wiederholt gezeigt und zusätzlich unbekannte Formen eingeführt.

Das Forschungsteam analysierte, wann die Tiere diese neuen Muster akzeptierten und ab welchem Zeitpunkt sie sie auch näher untersuchten.

Es zeigte sich im Versuch, dass es einen zeitlichen Faktor gab. Vögel, die gegenüber neuen Formen misstrauisch waren, begannen ganz einfach später mit der Untersuchung der neuen Formen. Sie brauchten eine bestimmte Gewöhnungsphase, bevor sie bereit waren, sich mit den unbekannten Formen zu beschäftigen.

Das Individuum und nicht die Art ist entscheidend

Zusätzlich erkannten die ForscherInnen einen starken individuellen Charakter, unabhängig von der Art, wann die Vögel unbekannte Formen genauer untersuchten. Dabei spielte sowohl der Rang in der Gruppe eine Rolle, als auch das Alter. „Zwischen den Arten gab es kaum Unterschiede, bis auf die jugendlichen Aaskrähen“, so Erstautor Marc O’Hara.

Bei allen anderen Vogelarten konnten die Forschenden dagegen einen deutlichen Unterschied zwischen den einzelnen Tieren erkennen. „Die Jungkrähen interessierten sich schneller für die unbekannten Formen als alle anderen Vögel“, so O’Hara.

Damit scheinen vor allem die Hierarchie und auch der Erfahrungswert eine Rolle zu spielen. „Der Mut oder der Wille etwas zu erkunden, hat vor allem mit der aktuellen Notwendigkeit, Informationen zu sammeln, zu tun.

Deshalb vermuteten wir auch einen Zusammenhang mit dem Alter“, so Ludwig Huber, Leiter der Abteilung für Verhaltensforschung des Messerli Forschungsinstitutes der Vetmeduni Vienna.

Umweltfaktoren, wie eine stärkere Bedrohung durch Raubtiere, scheinen geringeren Einfluss zu haben. „Das konnte durch Vergleich der diesbezüglich stark variierenden Krähen- und Papgeienarten geschlossen werden“, so Huber.

„Goffini-Kakadus und Keas leben etwa auf Inseln, auf denen sie keine Gefahr durch Räuber in einer neuen Situation fürchten müssen, aber Kolkraben fressen Aas, das von gefährlichen Raubtieren wie Wölfen oder Bären erlegt wurde.“

Die Ergebnisse der Studie sollen das Verständnis erhöhen, durch welche Prozesse das Verhalten unterschiedlicher Tierarten kontrolliert wird, wenn sich ihr gewohntes Umfeld verändert.

Die Studie wurde von einem Forschungsteam des Messerli Forschungsinstitutes der Vetmeduni Vienna, der Universität Wien, des Max Planck-Instituts für Ornithologie, Deutschland und der University of Lincoln, UK, durchgeführt.

Publikation

Der Artikel „The temporal dependence of exploration on neotic style in birds“ von Mark O’Hara, Berenika Mioduszewska, Auguste von Bayern, Alice Auersperg, Thomas Bugnyar, Anna Wilkinson, Ludwig Huber und Gyula Koppany Gajdon wurde in Scientific Reports publiziert.
https://www.nature.com/articles/s41598-017-04751-0



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